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Neue Dimension des Verbrechens

Tatort Internet


„Es gibt drei Möglichkeiten, mit den Widrigkeiten des Lebens fertig zu werden: Entweder suchst du die Schuld bei dir ... oder aber du betrachtest deine Mitmenschen als Quelle allen Übels... Die dritte Möglichkeit: du fliehst. Notfalls in den Suff...“


Was sich so liest, wie ein Ausschnitt aus einem saukomischen Ratgeber für Lebensfragen und Antworten der besonderen Art, ist nichts weniger, als ein Auszug aus 25 Krimigeschichten einer Anthologie, die anlässlich des Kärntner Krimipreises 2006 erschien und einem zumindest auf einigen Seiten Lachtränen ins Gesicht treibt.


„Mein Hass steigert sich noch, als ich an einem Samstagabend, mit einem Bier hinter der Küchengardine stehend, beobachtete, wie Frauchen den Köter mit aufmunternden Worten zu der Stelle lotste, an der sich die Häufchen der letzten Tage gesammelt hatten.“ Die Autorin Jutta Strzalka schildert in ihrer Krimigeschichte "Das Musterhaus", wie die Idylle eines Hausbesitzes durch den Zuzug perfider Nachbarn und deren perfekten Technik zur Odyssee wird. Ihre Realität findet in der virtuellen Welt ihren Niederschlag und somit bleibt auch nur, sich mit virtueller Kriegsführung zur Wehr zu setzen.


Überhaupt wird den LeserInnen dieser Krimianthologie schnell klar, dass das Zeitalter klassischer Verbrechen, im reellen Leben begangen, aufgeklärt und beendet, vorbei ist. Spätestens seit dem Internetzeitalter ist eine neue Dimension der Gemeinheit, der Grausamkeit und der Perfidität angebrochen. Raum und Zeit sind aufgehoben, haben dem Verbrechen zu einer virtuellen Zeitlosigkeit verholfen, einen neuen Markt ermöglicht, der die Verbrechensbekämpfung vor hohe Anforderungen und große Herausforderungen stellt.


Denn was in der ersten Geschichte durchaus noch Lachsalven erzeugt, lässt einem in der zu Recht mit dem ersten Preis gekürten Krimigeschichte „Blond Angel“ der Autorin Franziska Kelly das Blut in den Adern erstarren.


„Ich glaube nicht an Zufälle. Nicht mehr. Das Leben ist eine Fuge, komponiert aus Milliarden von kleinen und größeren Fügungen.“ Über dieses Wortspiel ihres Kollegen, eines Cybercops, kann die Heldin der Handlung, Kriminalpsychologin und Therapeutin von Gewaltopfern gar nicht mehr lachen. Es geht um Kinderpornographie, die, noch Jahrzehnte später, weil ins Internet gestellt, Schäden an Leib und Seele anrichten. Und zwar bei Fachleuten wie Opfern gleichermaßen. Die Vorstellung, dass die Täter nicht ein Fünkchen Mitleid oder Unrechtsbewusstsein haben, treibt sie zur Weissglut, zudem jemand Penis und Hoden eines „Kinderschänders“ in einem Internetauktionshaus anbietet und noch mehr derlei Teile in Aussicht stellt.


Ihre Krimigeschichte hat großes Aufsehen, Erfolg und Medienecho ausgelöst, denn die Autorin und Menschenrechtlerin hat es geschafft, das Verbrechen an Kindern literarisch spannend und gleichzeitig fachlich korrekt zu verarbeiten. Verbrechen, besonders sexueller Gewalt, sind hierzu nur bedingt geeignet und es ist daher besonders schwierig, Laien und LeserInnen aufzuklären und gleichzeitig zu unterhalten. Hier trafen literarisches Können und Fachwissen gleichermaßen aufeinander. Etwas, das nicht zwangsläufig so ist.


In der zweiten preisgekürten Krimigeschichte „Turboschach“ von Regina Holz eröffnet ein Administrator gegen einen Hacker seinen virtuellen Krieg. „Es war halb vier morgens, als sich diese miese Ratte einloggte, die zwei Tage zuvor beinah den Surver abgeschossen hatte.“ Und mit „Pass auf...wage nicht, diesen Server anzurühren, sonst jag ich dir einen Virus durch die Leitung“ versucht, diesen in die Flucht zu schlagen.


Den dritten Preis schliesslich erhielt die Krimigeschichte „Marilyn“ v. Sabine Klewe und müsste Solidarität mit computergeplagten Ehefrauen auslösen: „Er sitzt schon wieder seit Stunden vor dem Ding. Er tut nichts anderes mehr. Ausser fressen. Wie begehe ich den perfekten Mord? Ich sitze in meinem Arbeitszimmer und gebe ein paar Suchbegriffe in die Tasten. Ehemann. Loswerden. Mal sehen, was sich tut.“


Birgit Erwin inspiriert mit „Bürobedarf“ – Den Chef umzubringen ist leicht, aber was tut man mit seiner Leiche? Wie gut, dass es „ebay“ gibt...


Auf jeden Fall haben die Herausgeberinnen Susanne Schubarsky und Fran Hen, so wie die Jury, nicht nur kriminalistischen Spürsinn bei Auswahl und Zusammenstellung bewiesen.


25 gewagte, originell saukomische und überraschende Geschichten, die nicht nur Computerfreaks begeistern. Von den Finalisten und Preisträgern des Kärntner Krimipreises 2006. Jutta Strzalka – Nikolaus Schmid – Franziska Kelly – Birgit H. Hölscher – Birgit Erwin – Kai-Kevin Diertrich – Thomas Knackstedt – Sabine Klewe – Regina Lindemann – Sandra Niermeyer – Jörg Karweick – Amaryllis Sommerer – Andreas P. Pittler - Angelika Grabher – Lisa Lercher – Kristina Ruprecht – Friederike Schmöe – Hannah Mortensen - Frauke Schuster – Glanzer & Steinauer – Jürgen Edelmayer – Heinrich Beindorf – Kerstin Amenitsch – Regina Holz – Anne Grießer


©Ulrike M. Dierkes



Tatort Internet. Kärntner Krimipreis 2006

Susanne Schubarsky & Fran Henz (Hg.)
Englische Broschur
Wieser Verlag Klagenfurt, November 2006
ISBN: 3851296362

Verkaufspreis: Euro 12,95



Nickname 27.11.2006, 18.08| (0/0) Kommentare | TB | PL | einsortiert in: Rezensionen

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Masato
Interessanter und unterhaltsamer Blog!
Lassen Sie sich nicht verbiegen!
Grüße!
20.3.2012-12:05
Alexandra.
Ich möchte nicht schleimen. Will Ihnen nicht sagen welche Bücher ich von Ihnen gelesen habe. Oder Sie bemitleiden. - Ich möchte Ihnen lediglich sagen, das ich es gut finde, das Sie existieren, leben & überlebt haben. Die Welt braucht Menschen wie Sie. - Menschen die den Mund auf machen. Lassen Sie ihn sich bitte niemals verbieten.

Liebe Grüße.
13.12.2011-13:23
Maria
Hallo Frau Dierkes!...gerade habe ich Ihr Buch zu Ende gelesen... Ich bewundere Sie sehr, für Ihren Lebensmut, dass Sie nie aufgehört haben zu kämpfen und ein Zeichen setzen! Da ich selber in der Nähe von Münster lebe, kann ich die Beschreibungen, Ignoranz und das Weggucken der Münsterländer, so gut nachvollziehen... Wie wunderbar, dass Sie immer an sich geglaubt haben!!!!!! Auf dass es mehr Menschen gibt, die sich trauen etwas zu sagen, nicht wegsehen,kämpfen und gewinnen.

Sie haben so viel getan und erreicht, ich wünsche Ihnen für alles weitere genauso viel Kraft, Mut und starke Menschen an Ihrer Seite!
Viele Grüße aus dem Münsterland, Maria.
8.11.2011-1:24
Andrea
Liebe Frau Dierkes

Ich kaufte Ihr Buch Schwestermutter vor paar Wochen, habe mir das Buch aber nicht gleich zum lesen hingelegt. Ich schätze, ich wusste warum.

Dieses Buch ist so schonungslos,"grausam" geschrieben, hinsichtlich dessen, was Inzestkinder und deren Mütter selbst heute noch, in unserer Ach so aufgeschlossenen Gesellschaft erdulden müssen... Ich brauchte 3 Anläufe bis ich Ihre Buch zu Ende lesen konnte. Es hat mich zutiefst betroffen gemacht. Ich bewundere aber auch Ihren Mut, Ihre Kraft und Durchhaltewillen, nicht unterzugehen,sondern für Ihre Rechte zu kämpfen. Ihr Recht zu leben, zu lieben und geliebt zu werden.

Frau Dierkes, ich wünsche Ihnen und Ihrer Stiftung alles erdenklich Gute, Kraft und Durchhaltewillen, all jenen zu helfen, die nicht soviel Lebensmut in sich tragen, wie Sie es in sich hatten und noch immer haben.

Liebe Grüsse aus der Schweiz, Andrea
7.7.2011-13:42
Isabella
Liebe Frau Dierkes!
Ich bin nicht durch Zufall auf ihr Buch gestoßen.
Vor etwa einem Monat erzählte mir meine Mutter, dass ich eine Schwester habe, die auch meine Tante ist. Als erste Reaktion habe ich Bücher zu dem Thema gesucht und bin sofort auf Ihres gestoßen.
Es hat mich wirklich sehr berührt und mir sehr weitergeholfen!
Vielen Dank!
19.10.2010-18:02