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Thema: Rezensionen

Bücher & Botschaften


Ulrike´s Buchrezensionen











Nickname 14.07.2008, 20.26 | (1/1) Kommentare (RSS) | TB | PL

Chronik eines Mordes

Chronik eines angekündigten Mordes

Norbert Schreiber


Anna Politkowskaja



Rezension von Ulrike M. Dierkes


Laut „Reporter ohne Grenzen“ sind seit Putins Amtsantritt im März 2000 21 Journalistinnen und Journalisten in Russland ermordet worden. Die Liste „Feinde der Pressefreiheit“ wurde um neue Namen erweitert. In Russland um einen Namen: Wladimir Putin, Präsident.


Das Zentrum für Journalisten in extremen Situationen weist in einer Statistik mehr als zweihundert Journalisten als Todesopfer aus. Erschossen, erschlagen, erwürgt, vergiftet. Sie werden getötet, verlieren ihre Jobs oder müssen sich in langwierigen Gerichtsverfahren gegen Angriffe verteidigen. Bis zu achthundert Auftragsmorde werden in Russland jährlich registriert.


Was ist los in Russland oder was muss man dort getan haben, um so wie Anna Politkowskaja und viele andere JournalistInnen gehasst und bis zum Tode verfolgt zu werden?


Seit Beginn des „Zweiten Tschetschenien-Krieges“ berichtete Anna Politkowskaja in kritischen Reportagen unter ständiger Gefährdung ihres Lebens aus der Kaukasusrepublik. Und immer wieder behinderten dabei anonyme Kräfte ihre Arbeit. Denn ihre Arbeit erregte international Aufmerksamkeit, wurde mit Anerkennung und Preisen überhäuft. Der „Lettre Ulysees Award“ für die beste europäische Reportage oder der Olof-Palme-Preis für ihren mutigen Einsatz um Menschenrechte waren nur zwei von vielen.
 

Die Soziologin Olga Kryschtanowskaja, die als Wissenschaftlerin die Elitenbildung in Russland untersucht, geht davon aus, dass eine große Anzahl von KGB-Offizieren in Unternehmen, Banken und Sicherheitsfirmen untergeschlüpft sind und ihr KGB-Netz von der Macht für neue Aufgaben aktiviert wurde. Bei mehr als einem Viertel der Staatsfunktionäre sei in deren Vita offiziell eine KGB-Vergangenheit angegeben.
 

Auf Anna Politkowskaja war schon einmal eine lebensbedrohliche Attacke ausgeübt worden, die sie überlebt hatte. Sie war auf dem Flughafen Moskau von einem Unbekannten angesprochen worden, der sich als Bewunderer ihrer Arbeit ausgab, sie ins Flugzeug begleiten wollte. In einem Kleinbus saßen drei unbekannte Männer, die wahrscheinlich dem Geheimdienst angehörten. Nach dem Genuss eines Tees an Bord brach sie zusammen. Sie überlebte den Giftanschlag. Aber am 7. Oktober hatte sie keine Chance. Im Alter von 48 Jahren wird sie von einer Kugel getötet. Am 8. Oktober endet die Meldung über ihren Tod mit dem nüchternen Satz: “Todesart – wurde in ihrem Haus erschossen!“ Das Buch kritisiert die „Rituale der Medien“ und dass der Mordanschlag einige Tage die Schlagzeilen beherrscht und danach „kein Aufreger“ mehr sind. Und es greift die Aussagen eines Freundes des russischen Präsidenten Putins auf: „Der ehemalige Bundeskanzler und Kuratoriumsvorsitzende für die Ostseepipeline Gerhard Schröder lobt Putin, der Russland innen- und außenpolitisch zur Stabilität geführt habe.“ Defizite bei der Demokratisierung seien unbestritten, Morde wie an der regimekritischen Journalistin bedauerlich. Die Täter gehörten bestraft, aber auch in anderen Ländern würde gemordet. Es sei nicht in Ordnung, wenn bei jedem Mord reflexartig Putin und dem Kreml die Schuld gegeben würde.


Während Norbert Schreiber, selber langjähriger Reporter des ARD für Politik und Zeitgeschehen und Herausgeber dieses Buches, an seinem Vorwort schrieb, starb in London ein ehemaliger Mitarbeiter des FSB (russischer Geheimdienst) an den Folgen eines Giftanschlags mit radioaktivem Polonium, ein Gift, von dem ein Milligramm dreihundert Mal giftiger als Blausäure ist. Auch er war von zwei Russen zum Tee eingeladen worden. Alexander Litwinenko, einst Oberstleutnant des russischen Geheimdienst und scharfer Kritiker Putins. Litwinenko soll sich mit dem Tod der Journalistin befasst haben. Vor seinem Tod gab er ein BBC-Interview, in dem er den russischen Präsidenten Putin beschuldigte, in den Mordfall Anna Politkowskaja verwickelt zu sein.


„Wer auch immer hinter diesem Mord steht,“ schreibt Irina Scherbakowa, „die Art, wie er organisiert wurde, zeugt vom Fehlen jeglicher Angst und von der Überzeugung, straffrei auszugehen.“


Dies wollen die AutorInnen dieses Buches verhindern. Natalia Lublina, Literaturwissenschaftlerin und Übersetzerin der Texte Politkowskajas, Margareta Mommsen, emer. Professorin für Politikwissenschaften, Irina Scherbakowa, Historikerin, Publizistin und Übersetzerin, die sich für die Aufklärung der sowjetischen Repressionen und den Schutz der Menschenrechte im heutigen Russland einsetzt, Harald Loch, Jurist und Historiker, Andrei Nekrasow, der zur Zeit an einem Dokumentarfilm über seinen Freund Alexander Litwinenko arbeitet, Rupert Neudeck, Gründer der Hilfsorganisation „Komitee Cap Anamur/Deutsche Notärzte“ und Fritz Pleitgen, „Mordversuch an Menschenrechten“ haben hierzu ihren Beitrag geleistet.


Ein wichtiger Beitrag gegen Angriffe und mörderische Attacken gegen Menschenrechte und MenschenrechtlerInnen.




19,90 €


  • Broschiert: 200 Seiten
  • Verlag: Wieser; Auflage: 1 (März 2007)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3851296524
  • ISBN-13: 978-3851296525

Nickname 05.03.2007, 20.54 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Wunder

Andreas Englisch


Gottes Spuren



Die Wunder der katholischen Kirche




Glaube versetzt bekanntlich Berge. Glauben Sie an Wunder? Ich glaube, daß es zwischen Himmel und Erde mehr Gesetze und Phänomene gibt, als wir sehen. Für mich grenzt es an ein Wunder, wenn Opfer von Gewalt Einsamkeit und Verzweiflung überleben.


Ich weiß und dies nicht erst seit meiner eigenen Entstehung, dass es das Gute und das Böse gibt. Nicht als unfassbares Abstraktes, sondern ganz konkret in Gestalt von Menschen. Nicht immer sind es Engel, die der Himmel schickt. Es wimmelt auf diesem Planeten leider auch von Bestien, Dämonen und Monstern, „Menschen, die sich bewusst für das Böse entscheiden“, nennt sie der amerikanische Kinderschützer Andrew Vachss. Es gibt viele Menschen, die schon als Kind Opfer werden. Fragt man Überlebende, was ihnen geholfen hat, werden wiederum Menschen genannt, die meistens in ehrenamtlichen Bereichen rund um die Uhr Fürsorge, Nächstenliebe, Geduld und Nachsicht leisten. Auch das schildert Andreas Englisch, der Autor dieses Buch, das Gesetz und die Kraft der Nächstenliebe.


Man muss nicht unbedingt katholisch sein, um diesem Buch etwas abzugewinnen. Wer wie ich katholisch getauft, erzogen, schon früh aus der katholischen Kirche ausgetreten ist und folglich dem Geschehen kritisch gegenüber steht, dem ist vielleicht bekannt, daß Rituale wie das Sakrament der Taufe ohnehin nicht auflösbar ist und im Leben weiterwirken.


Und dies ist ein spannender Ansatz. Was geschieht zwischen Himmel und Erde mit und ohne unser Zutun, unabhängig von irgendeiner konfessionellen Erziehung, Gesinnung, Zugehörigkeit oder Überzeugung?


Dieses Buch ist eine spannende Lektüre für Interessierte, die sich nicht vorschnell einnehmen lassen, einen gesunden Abstand und Menschenverstand wahren.


Andreas Englisch gehört selber wohl auch nicht zu den Menschen, die auf Anhieb alles glauben, was man ihnen erzählt. Das ist das spannende an seinem Buch. Das macht ihn glaubwürdig und überzeugend. Er schreibt, er sei in seiner Kindheit und Jugend nie mit Bösem und folglich nie mit Exorzismus in Berührung gekommen. 1987 ging er als Korrespondent nach Rom und begleitete seither Papst Paul II. und danach Papst Benedikt XVI. auf Auslandsreisen. Als Korrespondent des Vatikanstaates, dessen Bücher „Johannes Paul II.“ und „Habemus Papam“ Bestseller wurden, begibt er sich in diesem Buch auf die Spuren der „Vertreter Gottes auf Erden“, die Päpste. Der Weg führt ihn zu Exorzisten, die nicht nötig wären, wenn es das Böse nicht gäbe. Aber auch zu den Wundern und Wunderheilern, guten Kräften. Es führt an Stationen wie Lourdes, Fatima, Jasna Gora, aber auch Regionen des Bösen, an denen sich Aberglauben, Hexen, Magier, Voodoo und Teufelsanbeter treffen. Ein wunderbares und wundersames Buch. Voller unglaublicher Geschichten aus einer Welt, in der das Böse und Gute dicht beieinander liegen. Wie im wirklichen Leben.

©Ulrike M. Dierkes





 

Gebundene Ausgabe: 320 Seiten

· Verlag: Bertelsmann, München (Dez. 2006)

· Sprache: Deutsch

· ISBN: 357000855X

Preis: 19,95

Nickname 16.12.2006, 20.30 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Neue Dimension des Verbrechens

Tatort Internet


„Es gibt drei Möglichkeiten, mit den Widrigkeiten des Lebens fertig zu werden: Entweder suchst du die Schuld bei dir ... oder aber du betrachtest deine Mitmenschen als Quelle allen Übels... Die dritte Möglichkeit: du fliehst. Notfalls in den Suff...“


Was sich so liest, wie ein Ausschnitt aus einem saukomischen Ratgeber für Lebensfragen und Antworten der besonderen Art, ist nichts weniger, als ein Auszug aus 25 Krimigeschichten einer Anthologie, die anlässlich des Kärntner Krimipreises 2006 erschien und einem zumindest auf einigen Seiten Lachtränen ins Gesicht treibt.


„Mein Hass steigert sich noch, als ich an einem Samstagabend, mit einem Bier hinter der Küchengardine stehend, beobachtete, wie Frauchen den Köter mit aufmunternden Worten zu der Stelle lotste, an der sich die Häufchen der letzten Tage gesammelt hatten.“ Die Autorin Jutta Strzalka schildert in ihrer Krimigeschichte "Das Musterhaus", wie die Idylle eines Hausbesitzes durch den Zuzug perfider Nachbarn und deren perfekten Technik zur Odyssee wird. Ihre Realität findet in der virtuellen Welt ihren Niederschlag und somit bleibt auch nur, sich mit virtueller Kriegsführung zur Wehr zu setzen.


Überhaupt wird den LeserInnen dieser Krimianthologie schnell klar, dass das Zeitalter klassischer Verbrechen, im reellen Leben begangen, aufgeklärt und beendet, vorbei ist. Spätestens seit dem Internetzeitalter ist eine neue Dimension der Gemeinheit, der Grausamkeit und der Perfidität angebrochen. Raum und Zeit sind aufgehoben, haben dem Verbrechen zu einer virtuellen Zeitlosigkeit verholfen, einen neuen Markt ermöglicht, der die Verbrechensbekämpfung vor hohe Anforderungen und große Herausforderungen stellt.


Denn was in der ersten Geschichte durchaus noch Lachsalven erzeugt, lässt einem in der zu Recht mit dem ersten Preis gekürten Krimigeschichte „Blond Angel“ der Autorin Franziska Kelly das Blut in den Adern erstarren.


„Ich glaube nicht an Zufälle. Nicht mehr. Das Leben ist eine Fuge, komponiert aus Milliarden von kleinen und größeren Fügungen.“ Über dieses Wortspiel ihres Kollegen, eines Cybercops, kann die Heldin der Handlung, Kriminalpsychologin und Therapeutin von Gewaltopfern gar nicht mehr lachen. Es geht um Kinderpornographie, die, noch Jahrzehnte später, weil ins Internet gestellt, Schäden an Leib und Seele anrichten. Und zwar bei Fachleuten wie Opfern gleichermaßen. Die Vorstellung, dass die Täter nicht ein Fünkchen Mitleid oder Unrechtsbewusstsein haben, treibt sie zur Weissglut, zudem jemand Penis und Hoden eines „Kinderschänders“ in einem Internetauktionshaus anbietet und noch mehr derlei Teile in Aussicht stellt.


Ihre Krimigeschichte hat großes Aufsehen, Erfolg und Medienecho ausgelöst, denn die Autorin und Menschenrechtlerin hat es geschafft, das Verbrechen an Kindern literarisch spannend und gleichzeitig fachlich korrekt zu verarbeiten. Verbrechen, besonders sexueller Gewalt, sind hierzu nur bedingt geeignet und es ist daher besonders schwierig, Laien und LeserInnen aufzuklären und gleichzeitig zu unterhalten. Hier trafen literarisches Können und Fachwissen gleichermaßen aufeinander. Etwas, das nicht zwangsläufig so ist.


In der zweiten preisgekürten Krimigeschichte „Turboschach“ von Regina Holz eröffnet ein Administrator gegen einen Hacker seinen virtuellen Krieg. „Es war halb vier morgens, als sich diese miese Ratte einloggte, die zwei Tage zuvor beinah den Surver abgeschossen hatte.“ Und mit „Pass auf...wage nicht, diesen Server anzurühren, sonst jag ich dir einen Virus durch die Leitung“ versucht, diesen in die Flucht zu schlagen.


Den dritten Preis schliesslich erhielt die Krimigeschichte „Marilyn“ v. Sabine Klewe und müsste Solidarität mit computergeplagten Ehefrauen auslösen: „Er sitzt schon wieder seit Stunden vor dem Ding. Er tut nichts anderes mehr. Ausser fressen. Wie begehe ich den perfekten Mord? Ich sitze in meinem Arbeitszimmer und gebe ein paar Suchbegriffe in die Tasten. Ehemann. Loswerden. Mal sehen, was sich tut.“


Birgit Erwin inspiriert mit „Bürobedarf“ – Den Chef umzubringen ist leicht, aber was tut man mit seiner Leiche? Wie gut, dass es „ebay“ gibt...


Auf jeden Fall haben die Herausgeberinnen Susanne Schubarsky und Fran Hen, so wie die Jury, nicht nur kriminalistischen Spürsinn bei Auswahl und Zusammenstellung bewiesen.


25 gewagte, originell saukomische und überraschende Geschichten, die nicht nur Computerfreaks begeistern. Von den Finalisten und Preisträgern des Kärntner Krimipreises 2006. Jutta Strzalka – Nikolaus Schmid – Franziska Kelly – Birgit H. Hölscher – Birgit Erwin – Kai-Kevin Diertrich – Thomas Knackstedt – Sabine Klewe – Regina Lindemann – Sandra Niermeyer – Jörg Karweick – Amaryllis Sommerer – Andreas P. Pittler - Angelika Grabher – Lisa Lercher – Kristina Ruprecht – Friederike Schmöe – Hannah Mortensen - Frauke Schuster – Glanzer & Steinauer – Jürgen Edelmayer – Heinrich Beindorf – Kerstin Amenitsch – Regina Holz – Anne Grießer


©Ulrike M. Dierkes



Tatort Internet. Kärntner Krimipreis 2006

Susanne Schubarsky & Fran Henz (Hg.)
Englische Broschur
Wieser Verlag Klagenfurt, November 2006
ISBN: 3851296362

Verkaufspreis: Euro 12,95



Nickname 27.11.2006, 18.08 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Todsünden




TODSÜNDEN

Um aus einer Sünde eine Todsünde zu machen, muss sie, laut Definition der katholischen Kirche, drei Voraussetzungen erfüllen. Die Sünde muss schwer sein. Sie muss eine schwere Übertretung der göttlichen Ordnung beinhalten, wie Diebstahl, Unkeuschheit oder Mord. Sie muss vom Sünder in seiner Schwere erkannt werden. Und … sie muss absolut freiwillig erfolgen ;-)

30 Autoren entführen in mörderische Abgründe, mit Kurzgeschichten über Sünder und deren Dämonen Luzifer (Hochmut), Mammon (Habsucht), Leviathan (Neid), Satan (Zorn), Asmodeus (Wollust), Beelzebub (Völlerei) und Belphegor (Faulheit).

Ihre Protagonisten erleben oder erliegen... na eben Todsünden.


"Blutsgeheimnis" v. Karina Odenthal schildert eine tödlich endende inzestuöse Verstrickung. - "Aus Liebe und Verzweiflung" finden bei Reinhard Escher Alkoholismus und Workaholic dank Rindsgulasch ihr Ende durch Erhängen. - "Die gute Seele" von August Gödeke schildert die Geschichte der Haushälterin Vera S., die den Pastor überrascht, als er sich nach sexuellem Missbrauch eines Messdieners die Hose zuknöpft und bezahlt diese Beobachtung mit ihrem Leben. - In "Self - fulfilling prophecy?" wird für eine Krankenschwester der befürchtete Suizidversuch eines Patienten zur eigenen tödlichen Falle. - Gift und Galle leiten den mentalen Tod eines Inzesttäters in "Tod in den Katakomben" von Ulrike M. Dierkes ein.


30 biestige bitterböse Geschichten beantworten hochnotwendige überlebensnichtige Fragen wie "Was treibt die Fleischerfrau im Swingerclub?" - "Wie kann Leibesfülle ein Leben retten?" - "Was macht der Herr Pfarrer im Freudenhaus?" Seelen retten? A tergo? - "Was tun, wenn eine Hochzeit zu platzen droht?" - "Ist das Töten einer Maus schon Mord?"

Dem Herausgeber Robert Herbig ist mit der Zusammenstellung dieser Kurzgeschichten-Anthologie ein wahres Meisterwerk der Ausgefallenen, Bösen, Boshaften, Extrem-Gemeinen und Perfiden (Stückeschreiber) gelungen. Ein Kabarett des Grauens und des Horrors, eben ganz netter und normaler Menschen wie Sie, liebe LeserIn. AutorInnen, die die Kunst des verbalen Sezierens der Realität und wieder Zusammenfügens zu spannenden Geschichten beherrschen und natürlich nur auf dem Papier, für Nervenkitzel, Mord und Totschlag sorgen. Warnung: Nichts für schlaflose Näch(s)te!

Heinrich Beindorf - Manfred G. Buchholz - Ulrike M. Dierkes - Max Direktor - Reinhard Escher - Christiane Franke - August Gödecke - Robert Herbig - Simone Jöst - Wolfgang Kemmer - Peter Klusen - Josef Koba - Regine Kölpin - Tatjana Kruse - Frank Lauenroth - Sabine Ludwigs - Sabine Misiorny - Karina Odenthal - Sandra Panienka - Monika Schlösser - Manfred C. Schmidt - Rosemai M. Schmidt - Christa Schmid-Lotz - Susanne Schubarsky - Gregor Schürer - Frauke Schuster - Chris J. Stone - Günter Suda


Herausgeber: Robert Herbig
Seitenzahl: 200
ISBN: 3-938882-17-4
Preis: 9,95 Euro

 

Nickname 28.08.2006, 22.46 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Margrets Mann




Holde-B. Ulrich:

Margret's Mann
Orlanda Frauenverlag - 241 Seiten
Erscheinungsdatum: April 2005
 ISBN: 3936937222 , 15,50 €

Rezension:

„Margrets Mann" - ein faszinierendes Romandebüt von Holde- Barbara Ulrich.

Ein Roman über die Liebe. Um genauer zu ein, über die Liebe, ihre Lügen und ihre Gewalttätigkeit. Und genau das ist es, dieser Zusatz, der das neue Buch der Berliner Autorin Holde-Barbara Ulrich für den Leser zu einem zutiefst erregenden und bis zum Schluss fesselnden literarischen Ereignis macht. Die Spannung, die die Autorin von der ersten Seite an aufzubauen vermag, getragen von ihrer sensiblen, höchst präzisen, bildhaften Sprache lassen Trivialität, für die Romane dieses Genres im allgemeinen anfällig sind, nicht zu.


Worum geht es? Um maßlose Zärtlichkeit, unvergleichliche Rituale, exzessive Lust, selbstquälerische Eifersucht, mörderische Gewalt - kurz und gut, um eine einzigartige, große Liebe. Klara, Protagonistin des Buches, glaubt es mehr als zehn Jahre lang. Dass Wolf, der Geliebte, verheiratet ist, nicht gerade beglückend für sie und mit der Zeit immer beklemmender. Aber irgendwann wird es vorüber sein. Er verspricht es, gelobt, schwört. Sie glaubt ihm, denn sie liebt ihn. Immer aussichtsloser, immer verzweifelter.

Irgendwann taucht Margret auf, seine Frau. Unerwartet, bedrohlich, diese Begegnung. Ihre verschwörerische Nachricht lautet: Er hat eine neue Geliebte - drei Jahre lang schon! Sie liefert Beweise. Ein vager Bund entsteht zwischen ihr und Klara, eine Verschwisterung der Not.


Wolf verändert sich. Kleine Anzeichen gab es seit langem. Jetzt aber, sehenden Auges, werden sie deutlicher. Sie sind hinterhältig, gewaltvoll, ja lebensgefährlich. Flucht wird nötig, psychisch und räumlich. Klara fährt auf die Krim, versucht, berstend vor Unglück, die Abnabelung. Eine kurze sexuelle Beziehung zu einem anderen Mann, der an eigenem Elend gewachsen ist, hilft ihr dabei.

Zurück in Berlin, wieder Wolf: Seine Rose, sein Brief - diese klagenden, schönen Sätze. Immer noch ist er da. Den Schlusspunkt schließlich setzt Margret mit ihrer Anzeige in der Zeitung...


Der Text vermittelt eine Art von Erschütterung, die auf etwas Bekanntes, etwas Ungeheuerliches hinweist, nämlich den Fall der jungen französischen Schauspielerin Marie Trintignant, die im Sommer 2003 von ihrem verheirateten Geliebten in einem Anfall rasender Eifersucht zu Tode geprügelt wurde. Überhaupt scheint das Buch insbesondere für Frauen einen erheblichen Wiedererkennungseffekt zu haben. Kein Wunder, wenn jede Dritte hierzulande laut Statistik eine „Dreierbeziehung" erlebt und erlitten hat. Unterschiedlich zwar, aber das Grundmuster gleicht sich. Berauschende Stunden der Lust, Heimlichkeiten und Lügen, maßlose Eifersucht, hinhalterische Versprechen und quälerischen Einsamkeit. Und am Ende schließlich - falls sie nicht vorher entkommen kann - sein beiläufiges: „Adieu - es war schön. Aber es geht leider nicht". Und obwohl diese unglücklichen Ausgänge vorauszusehen sind, scheinen sie den Reiz des Geheimnisvollen, Unerlaubten, Gauklerischen einer solchen Affäre nicht zu beeinträchtigen - das gilt für Frauen wie für Männer. Wobei die Frau, von Natur aus reichlicher ausgestattet mit Zuversicht, Geduld und Hingabe, oft auf eine Lebenslösung hofft. Der an Sicherheit orientierte männliche Partner hingegen ist selten bereit, das Gewohnte, Eingerichtete, Abgesicherte seiner familiären Situation für eine Geliebte aufzugeben. Die "ménage a trois" zerbricht schließlich an sich selbst.


Das alles mag sich in der Realität einfacher, geradliniger, vielleicht auch weniger obsessiv zutragen als in dieser kunstvoll gestrickten, genauso dramatischen wie skurrilen Romangeschichte. Aber gerade dieses von der Autorin raffiniert gesponnene Geflecht aus Gewalt und Zärtlichkeit, Erpressung und Willfährigkeit, Hörigkeit und Überdruß bindet den Leser unausweichlich in die Handlung ein und lässt ihn bis zum überraschenden Ende nicht wieder los. „Margrets Mann" ist das zehnte Buch, der aus Brandenburg stammenden Autorin. Der geographische Aspekt bringt es mit sich, dass das Buch, das in den achtziger Jahren in Ostberlin spielt, zwar unaufdringlich aber unübersehbar neben dieser sehr intimen, obskuren Liebesgeschichte auch das ganz normale Leben in der DDR spiegelt.


H.-B. Ulrichs erster Band „Schmerzgrenze" (Dietz 1990) über Frauenschicksale in der DDR erregte Aufsehen und machte ihr Mut, in diesem Metier weiter zu arbeiten. So waren es hauptsächlich literarisch ambitionierte Porträts und Reportagen, die sie als freischaffende Autorin für große Zeitungen und Magazine schrieb. Sie brachten ihr neben anderen Auszeichnungen den renommierten Egon-Erwin-Kisch-Preis. Die vielschichtige Biographie ihrer Tochter „Zuhause ist kein Ort" (Ullstein 2000) wies dann eindeutig den Weg zu ihrem ersten Roman, der mit „Margrets Mann" nun vorliegt. Der ORLANDA-Verlag, bekannt insbesondere durch sein auf Frauenprobleme spezialisiertes Sachbuchprogramm, hat den sehr schön ausgestatteten Band herausgebracht. Unter Herausgeberschaft und Lektorat von Ingeborg Mues eröffnet er die neue Belletristik-Reihe des Verlages: DIE EDITION. Der Auftakt ist auf alle Fälle vielverheißend. © Ulrike M. Dierkes


Nickname 04.06.2006, 11.02 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Die Schuld eine Frau zu sein



Die Schuld, eine Frau zu sein




In der Nacht vom 22. Juni 2002 fällt für Mukhtaran Bibi (28) eine Entscheidung, die ihr Leben von Grund auf an verändern wird. Die Angehörige der Bauernkaste der Gujjar aus dem Dorf Meerwala in der pakistanischen Provinz Punjab, muss vor den Klan der höheren Kaste der Mastoi treten, der aus Grundbesitzern und Kriegern besteht und im Namen ihrer Familie um Vergebung bitten. Vergebung für ihren kleinen Bruder Shakkur, der vom Klan der Mastoi beschuldigt wird, mit Salma, einem Mädchen ihres Stammes „gesprochen“ zu haben. Ihr Bruder ist gerade mal Zwölf, die junge Frau dagegen über Zwanzig.


Weil die Mastoi im Dorfrat zahlreicher vertreten sind, ist der Dorfrat hilf-und ratlos. Die Mastoi verfügen nicht nur über mehr Macht, sondern auch über mehr Waffen. Es gibt nur die einzige Chance: Eine Frau der Gujjar muss im Namen ihres Stammes um Vergebung bitten. Und Mukhtaran ist die Frau, die von ihrer Familie dazu ausgewählt wurde.


Warum ausgerechnet sie? Es gäbe so viele Frauen in der Familie...


„Weil dein Mann dir die Scheidung gewährt hat. Weil du keine Kinder hast. Weil du im richtigen Alter bist. Weil du den Koran lehrst und Ansehen genießt.“


Als Mukhtaran sich in der Dunkelheit auf den Weg macht, ist ihr Bruder Shakkur seit Mittag verschwunden. Keiner weiss, was geschehen ist. Shakkur war auf dem Zuckerrohrfeld in der Nähe der Mastoi und wurde blutüberströmt von der Polizei von den Mastoi in Handschellen abgeführt und eingesperrt. Die Mastoi bezichtigten in des Diebstahls von Zuckerrrohr.


Die Mastoi ergreifen häufig solche Repressalien. Sie sind gewalttätig, ihr Stammesoberhaupt hat viele Kontakte zu entscheidenden Stellen. Deswegen kann der Mullah von Meerwala jetzt auch nichts tun. Vergeblich hat er die Freilassung des Bruders zu bewirken versucht.


Empört, dass sich ein Gujjar-Bauer ihnen zu widersetzen versucht, ändern sie die Anklage und behaupten, Shakkur habe Salma vergewaltigt. Nach dem Gesetz der Scharia droht ihm dafür die Todesstrafe.


Nun soll eine Gujjar-Frau sich vor dem versammelten Dorf erniedrigen und um Vergebung bitten: Mukhtaran.


Den Koran an ihr Herz gedrückt, macht sie sich durch die Nacht auf den Weg. Sie, die selber weder lesen, noch schreiben kann, weil es keine Schule im Dorf gibt. Die seit ihrer Scheidung den Kindern in Meerwala ehrenamtlich Unterricht gibt. Das verschafft ihr Ansehen. Kraft und Selbstvertrauen. Was soll ihr schon passieren? Sie hat sich keine persönlichen Fehler vorzuwerfen, ist gläubig und hält sich seit ihrer Scheidung von Männern fern, wie es erwartet wird. Während Salma macht was sie will, eine aggressive geschwätzige Person ist.


Kurz vor ihrem Ziel dringen wütende Stimmen an ihr Ohr. Über hundert Männer haben sich versammelt und warten bereits auf ihr Eintreffen. Bilden eine Mauer um sie. Jetzt wäre der Zeitpunkt ihrer Vergebung gekommen. Doch bevor es dazu kommt, schlagen sie sie bewusst-los. Als sie wieder zu sich kommt, findet sie sich in einem geschlossenen Raum wieder, wo vier Männer sie immer wieder vergewaltigen. Sie brauchen nicht zu ihren Waffen zu greifen, die Vergewaltigung ist die Waffe schlechthin. Sie dient dem Zweck, das Opfer zu demütigen und sich für alle Zeiten zu rächen. Ihr den Tod bringen. Die Todesstrafe.


Als sie die Tat hinter sich gebracht haben, zerren sie ihr Opfer nackt vor die Tür, wo das halbe Dorf, ihr Vater und ihre Brüder von den Waffen der Mastoi bedroht ausharren mussten. Wie eine Puppe, vor Schmerzen gebeugt und ihr Gesicht wahrend, läuft sie davon, ihr Vater und ihre anderen Brüder folgen. Als sie ihren Hof erreichen, steht ihre Mutter weinend, den Blick auf den Boden gerichtet, stumm. Die anderen Frauen der Familie weinen. Der Horror ist noch nicht beendet. Die Mastoi behaupten, ihr Bruder Shakkur habe eine sexuelle Beziehung zu Salma gehabt, sie sei bis zur Vergewaltigung durch ihn noch Jungfrau gewesen. Mukhtar hat nur einen Wunsch: zu sterben. Und das ist es auch, was von Frauen, die Opfer von „Ehrenver-brechen“ werden, erwartet wird.


Doch Mukhtar wählt einen anderen Weg. Sie überlebt und zieht vor Gericht. In einem aberwitzigen Kampf gelingt es ihr, ihre Peiniger hinter Gitter zu bringen. Sie begreift, sie ist kein Einzelfall. Jede zweite Frau in ihrem Land wird Opfer von Misshandlungen. Weil sie keine Schule und keine Bildung haben, wissen sie nicht, um ihre Rechte zu kämpfen. So gründet Mukhtar Mai eine Schule und wird zur Symbolfigur


Zusammen mit Marie-Thérèse Cuny schrieb sie ihre Geschichte auf, lebt mit ihrer Familie in dem kleinen Dorf Meerwala in der pakistanischen Provinz Punjab. Es ist ein erschütterndes, aber mutmachendes Buch, weil es wütend macht. Weil es die Hintergründe und Zusammenhänge zwischen Stammessitten und Provinzdenken nachvollziehbar macht und Solidarität mit den Opfern herstellt. Es ist ein wichtiges Buch, weil es dem Thema „Ehrenverbrechen“ die hässliche Maske der Verlogenheit abreisst, der alles geopftert wird, notfalls das Leben. Im Anhang bieten Anlaufstellen Hilfe. ©Ulrike M. Dierkes


Sprache: Deutsch
Gebundene Ausgabe - 288 Seiten –

Droemer/Knaur
Erscheinungsdatum: Februar 2006, 16,90 €
ISBN: 3426273969



Nickname 04.06.2006, 10.55 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Sigmund Freud




Wolfgang Schmidbauer
Der Mensch Sigmund Freud



Ein seelisch verwundeter Arzt?
Ein neuer Ansatz.


 

Bücher und Schriften von und über Sigmund Freud gibt es reichlich. Der am 6. Mai 1856 als Sohn des jüdischen Textilkaufmanns Jacob Freud und dessen ebenfalls jüdischer Ehefrau Amalia (geb. Nathanson) in Freiberg (heute: Pribor Tschechien) geborene, in Wien aufgewachsene Mediziner und Begründer der Psychoanalyse, der am 23. September 1939 in London starb, beschäftigt bis heute die Gemüter.

Zum 150. Geburtstag erweisen ihm zahlreiche Medien mit einer ganzen Reihe an Reportagen und dokumentarischen Sendungen die Ehre.

Dieses 2005 erschienene Buch ist allerdings mehr als ein Buch von der Arbeit und über Freud, sondern eine Analyse der Person und Persönlichkeit. Dabei fördert das Buch oder sein Autor Einblicke und Erkenntnisse über den Charakter Freuds zutage, die bei seiner Arbeit, Forschung und Wissenschaft eine große Rolle gespielt haben. Bei der Lektüre kommt es einem so vor, als sei Freud durch seine eigene von ihm selbst entwickelte Technik des Analysierens analysiert worden.

Der Autor, Wolfgang Schmidbauer, der dies gewagt hat, ist nicht nur promovierter Psychoanalytiker, hat selber ein Institut für analytische Gruppendynamik gegründet, eine Gastprofessur für Psychoanalyse an der Gesamthochschule Kassel gehabt, sondern ist auch Lehranalytiker in München.

Dieses Buch ist viel mehr und kein streitbarer Beitrag zur umstrittenen Psychoanalyse, sondern es befördert vieles ans Tageslicht, was man gar nicht erwartet oder vermutet hätte. Es liest sich spannend und bringt einem die Person Freud’s, seine Kindheit und Jugend, eigene Kränkungen, Verletzungen, Stärken und Schwächen näher. Dadurch liefert es völlig neue Ansätze und leitet dadurch neue Sichtweisen ein. Nämlich die auf einen verletzten Arzt, der aus der Situation eigener erlittener Kränkungen und seelischer Verletzungen einen Ausweg aus eigenem Leid suchte und dabei die Psychoanalyse als Technik der Auflösung und Heilung von Trauma und Neurose entdeckte. So war Freud zwar Arzt, aber im übertragenen Sinne auch Patient seiner eigenen Patienten, die ihn inspirierten. Er entdeckte dabei das Phänomen der Übertragung und Gegenübertragung und leistete für die seelische Befindlichkeit der Menschheit Übermenschliches.

Freud selbst war zuverlässig, vertrug aber keine Kränkung. Er entdeckte die Psychoanalyse nicht nur aus geistiger Stärke, sondern ebenso aus seiner emotionalen, narzisstischen Schwäche. Zeit seines Lebens hat Freud die Traumdeutung als seine wichtigste Entdeckung angesehen.

Und die Erkennntis: Nur wer sich selbst liebt, kann andere dauerhaft lieben.

(Ulrike M. Dierkes)



 

Sprache: Deutsch
Gebundene Ausgabe - 206 Seiten - Kreuz-Verlag
Erscheinungsdatum: September 2005
Auflage: 1
ISBN: 3783126355

19,95 €


Nickname 04.06.2006, 10.51 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Schwestermutter

Der Kampf eines Kindes um Anerkennung und Liebe


Name: Julia Rischen

Klasse: FO 12/5

Thema: Buchvorstellung

Ulrike M. Dierkes

„Schwestermutter“

Fach: Deutsch

Fachlehrerin: Frau Noike

Schuljahr: 2005/2006



INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung und Vorwort Seite 1
2. Autor/in & Werk Seite 1
3. Aufbau und Inhalt Seite 2 
4. Analytische und interpretatorische  Seite 3 - 4
Auseinandersetzung mit einem Kapitel
5. Intention des Autors Seite 5
6. Kontextualisierung Seite 5
7. Buchkritik und Buchempfehlung Seite 6
8. Quellen Seite 6
9. Anhang Seite 7


 

1.
 Einleitung und Vorwort

 

In der Lektüre „Schwestermutter“, erschienen im Oktober 2004, erzählt die Autorin Ulrike M. Dierkes ihren Lebensweg. Sie muss mit dem Schicksal fertig werden, ein Inzestkind aus sexuellem Kindesmissbrauch zu sein.

Als Außenstehende habe ich mich vorher gefragt, wie solche Inzest-Misshandlungen jahrelang ablaufen und später vertuscht werden können, da man eigentlich davon ausgeht, dass andere Familienmitglieder oder Nachbarn dies merken und anschließend handeln müssten.



2. Autor/in & Werk




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Ulrike M. Dierkes wird am 9. Oktober 1957 in Münster geboren. Mit 14 Jahren begann sie öffentlich zu schreiben. Zuerst für Schülerzeitungen, später für Jugendmagazine. Von 1977 bis 1978 absolvierte sie ein Schriftstellerseminar. Anschließend begann sie ihre Ausbildung in der Lokalredaktion der Rhein-Zeitung (RZ).



1981 wurde ihre erste Kurzgeschichte „Hasenliebe“ im Buch „Unbeschreiblich weiblich“ durch den Rowohlt Verlag verlegt. Von 1984 bis 1988 arbeitete U. Dierkes festangestellt beim Stuttgarter Wochenblatt. Im Jahr 1995 erschien ihr erstes Buch, der Roman „Melina's Magie“ im Georg Bitter Verlag. Das im Patmos Verlag erschienene Sachbuch „Meine Schwester ist meine Mutter - Inzestkinder im Schatten der Gesellschaft“ folgte 1997. Im Jahr 2004 veröffentlichte Dierkes im Lübbe Verlag die Biografie „Schwestermutter - Ich bin ein Inzestkind“. 2005 wurde eines ihrer lyrischen Gedichte unter den 100 besten beim Jokers Lyrik-Preis ausgezeichnet.




Ulrike M. Dierkes ist Gründerin und Vorsitzende des 1996 gegründeten Vereins „M.E.L.I.N.A. Inzestkinder/Menschen aus VerGEWALTigung e.V.“, ein
gemeinnützig anerkannter eingetragener Verein, der sich für Menschen einsetzt, die durch Inzest geboren wurden.



 

3. Aufbau und Inhalt


Das Buch beginnt mit einem Vorwort, in dem die Autorin erklärt, warum sie dieses Buch geschrieben hat. Es endet mit einem Nachwort, in dem die Autorin ihren Lebensweg kritisch betrachtet. Aufgebaut ist es in 4 Teile. Im ersten Teil geht es um den Inzest, die Geburt und eine Kindheit in Lüge. Im zweiten Teil geht es um das Leben mit der Wahrheit. Im dritten Teil wird die Suche nach einem besseren Leben beschrieben und den vierten Teil nennt die Autorin „Ich sehe nicht weg, ich sehe nach vorn“. Insgesamt hat das Buch 21 Kapitel.


Marina, ein siebenjähriges Mädchen wird von ihrem Vater missbraucht. Mit 13 wird sie schwanger und mit knapp 14 kommt Ulrike zur Welt. Deren leibliche Mutter ist also ihre älteste Schwester. Nach einer anonymen Anzeige wird der Vater mit einer Haftstrafe bestraft, nimmt aber nach seiner Entlassung sein Treiben wieder auf. Ein langer Leidensweg beginnt. Ulrike erfährt ihre Herkunft nur scheibchenweise. Ihre familiäre, dörfliche Umgebung ist den Opfern gegenüber völlig verschwiegen. Leider sind alle Familienmitglieder durch die Autorität des Vaters eingeschüchtert bis unterwürfig. Keiner erhebt Einspruch. Selbst Ulrike bleibt zunächst nichts anderes übrig, als ihrem Vater zu glauben und sich seiner Gedankenwelt anzuschließen. Nur so ist es zu erklären, dass auch sie während ihrer Kindheit und Jugend bis ins Erwachsenenleben zu ihrem Vater steht. Sie wird in ihrer Kinder- und Jugendzeit hin- und hergeschoben und kann erstmal keine sozialen Bindungen aufbauen. Sie lernt weder Eltern- noch Mutterliebe kennen. Sie heiratet und bekommt eine Tochter. Doch das Glück hält nicht lange an. Ulrike lässt sich scheiden. Ihr Ex-Mann schafft es, vor dem Hintergrund des Inzest, der Haftstrafe des Vaters und der Unwissenheit Ulrike's durch eine Intrige das Sorgerecht zu erkämpfen.
Durch einen glücklichen Zufall trifft sie Charly, der aus einer angesehenen Familie kommt. Sie erfährt zum ersten Mal das Gefühl von Liebe und
Geborgenheit, was eine Familie sein kann. Zwei Kinder machen das Glück perfekt, doch die Vergangenheit lässt sich nicht so einfach löschen. Um ihre Vergangenheit, ihre Erlebnisse und Gefühle zu verarbeiten, schreibt sie den Roman „Melina's Magie“, in dem sie ihre Lebensgeschichte als Vater-Tochter-Inzestkind belletristisch umsetzt. Später gründet sie den Verein „M.E.L.I.N.A. Inzestkinder/Menschen aus VerGEWALTigung e.V.“


4. Analytische und interpretatorische Auseinandersetzung
mit einem Kapitel nach Wahl


 Kapitel 6


Ich habe dieses Kapitel gewählt, weil es zwei wichtige Abschnitte in Ulrikes Lebenslauf beinhaltet. Ulrike erfährt in diesem Kapitel die Wahrheit, dass ihre ganze Kindheit auf einem Lügengebilde basiert. Der zweite Aspekt ist, dass die Beziehung zwischen ihr und ihrer Schwestermutter Marina in diesem Kapitel zum Ausdruck kommt.


Ulrike kommt aus der Schule zurück und ihre Mutter sagt ihr, dass ihr Vater wieder nach Hause kommt. Er war nicht im Krankenhaus, sondern im Gefängnis. Sie sagt, dass er ihre älteste Schwester Marina vergewaltigt hat und dass sie, Ulrike, das Kind daraus ist. Sie ist ein Kind des Verbrechens. Ein Kind der Sünde. Blutschande. Ulrike flieht aus dem Zimmer, flieht vor den Worten. Sie fühlt sich mutterseelenallein. Niemand ist da, der ihre Fragen beantworten kann. Ihre Wut unterdrückt sie nicht. Sie provoziert durch aggressives Verhalten. Ihre Verwirrtheit versucht sie zu aufzuarbeiten, indem sie Tagebuch schreibt. Sie erhält einen Brief von Marina, in dem steht, dass sie das Sorgerecht für Ulrike beantragt hat. So fährt sie nervös, aber doch mit Freude und Zuversicht nach Berlin. Marina hat inzwischen einen Sohn Mario, der vier Jahre jünger ist als Ulrike. Viel Zeit bleibt für Ulrike nicht und somit lebt sie immer mehr in einer Art Traumwelt. All ihre Lieblingsträume haben in ihrem Tagebuch Platz. Marina lernt einen neuen Mann kennen, doch der kann Ulrike genau so wenig leiden, wie sie ihn. Die Situation spitzt sich zu, denn Marina verleugnet Ulrike als ihre Tochter. Zwischen Marina und Ulrike herrscht eine Fremdheit, die man nicht überbrücken kann. Außerdem hat Ulrike Heimweh nach ihrem Vater. Heimlich packt sie ihre Koffer und fliegt zurück zu ihrem Vater. Marina droht Ulrike, dass wenn sie nicht zurück kommt, sie alles dafür tut, dass Ulrike in ein Erziehungsheim kommt. Ulrikes Vater bezichtigt Marina der Unfähigkeit sie aufzuziehen. Ihrem Vater wird das Sorgerecht zugesprochen und Ulrike darf in ihrem Elternhaus bleiben. Doch nun hat Ulrike Marina verloren, noch bevor sie sie als Mutter gewonnen hat.


Handlungsort in Kapitel 6 ist zunächst Ulrikes Elternhaus in Ostbevern bei Münster. Ulrike ist zu der Zeit zwischen 11 und 12 Jahren alt, also in den Jahren 1968/69. In der Zeit, wo sie bei Marina, ihrer Schwestermutter wohnt, spielt sich das Leben von Ulrike in Berlin ab.


Ulrike M. Dierkes benutzt die Erzählform des Ich-Erzählers, da sie aus ihrer eigenen Erfahrung heraus dieses Buch geschrieben hat. Sie erzählt ihren eigenen Lebensweg.


Ulrike fühlt sich seitdem sie die Wahrheit kennt, hin und her gerissen durch ihre Gefühle. Manchmal fühlt sie sich ohnmächtig, verwirrt und enttäuscht. Das andere Mal zeigt sie ein aufsässiges, provokantes, aggressives Verhalten. Oft fühlt sie sich alleingelassen, ängstlich und fremd. Sie flüchtet in einen Traum, in dem ihr Leben und die Welt perfekt ist.


Marina, Ulrikes leibliche Mutter (Schwestermutter), ist 20 Jahre alt und studiert Kunst. Sie ist erschrocken, als sie Marinas blaue Augen sieht, denn diese erinnern sie an ihren Vater. Außerdem zeigt sie sich ablehnend, kühl und zurückweisend gegenüber Ulrike. Vor ihrem neuen Freund Andreas verleugnet sie Ulrike als Tochter.


Ulrikes Vater ist künstlerisch sehr begabt. Jedoch ist er zweifach wegen Kindesmissbrauch bestraft. Er sorgt zuhause für Auseinandersetzungen und kein anderes Familienmitglied wagt, sich etwas gegen ihn auszusprechen.


Ulrikes Mutter ist für Ulrike, seitdem sie ihr eiskalt die Wahrheit gesagt hat, nur noch die Frau ihres Vaters. Sie sagt zu Ulrike, sie sei die Sünde ihres Mannes. Außerdem schlägt und verprügelt sie Ulrike mit einem Holzlöffel, aufgrund ihres provokanten und aggressiven Verhaltens.


Andreas, der neue Freund von Marina, ist ein Dozent. Er bildet sich was auf sein Aussehen ein, obwohl er voller Minderwertigkeitskomplexe steckt. Andreas nervt die Anwesenheit von Ulrike.


Ulrike M. Dierkes benutzt in diesem Kapitel viele Fragen, zum Teil auch rhetorische Fragen, die bewirken, dass der Leser merkt, wie verloren und verwirrt sich Ulrike gefühlt hat. Außerdem benutzt sie oft viele Adjektive hintereinander, um genau auszudrücken, wie Ulrike sich fühlt und um die genauen Reaktionen der anderen auszudrücken.


Das Kapitel hat eine Wichtige Bedeutung für das Buch, da Ulrike darin die Wahrheit erfährt und sich somit ihr ganzes Leben umstellt und ihre Vergangenheit in Frage gestellt wird.


5. Intention des Autors


Ulrike M. Dierkes thematisiert in diesem Buch die Auswirkungen inzestuöser sexueller Gewalt und die Problematik der daraus geborenen Kinder. Ulrike M. Dierkes erwähnt in diesem Buch ihre Stellung in der Gesellschaft, in der Justiz und in der Kirche. Sie schreibt dieses Buch, weil sie die Gesellschaft aufrütteln möchte, über die Menschenrechtsverletzungen und Verbrechen in diesem Lande nachzudenken. Dieses „Tabu-Thema soll nicht weiterhin verdrängt werden. „Schwestermutter“ zeigt ein typisches Verhaltensmuster, welches Kinderschändern ihre Taten erleichtert. Es soll beachtet werden, dass „so etwas“ sehr wohl mitten unter uns vorkommt. Die Autorin fordert die Menschen auf, Zivilcourage zu zeigen. Hinsehen anstatt Wegsehen. Doch dies ist in unserer Gesellschaft leider nicht hoch angesehen.


 

6. Kontextualisierung


Die Autorin Ulrike M. Dierkes beschreibt in diesem Buch ihren eigenen Lebensweg, der mit einem harten Schicksal verbunden ist. Aus diesem Grund können ganz klar Verbindungen zur Biografie der Autorin hergestellt werden. Der Inhalt des Buches ist die Biografie der Autorin.

7. Buchkritik und Buchempfehlung


Ich habe mich vorher gefragt, wie solche Inzest-Misshandlungen jahrelang ablaufen und später vertuscht werden können, da man eigentlich davon ausgeht, dass andere Familienmitglieder oder Nachbarn dies merken und anschließend handeln müssten. (s.1.) Nun kann ich diese Frage beantworten. Die eigene Frau, die Geschwister und zum Schluss selbst Ulrike, decken ihren Mann und Vater aus Angst, da die Ehre und Würde der Familie auf dem Spiel steht. Das „christliche“ Dorf vertuscht die Angelegenheit, da es ein Tabuthema ist und keiner wagt, sich mit so etwas auseinander zu setzen. Stattdessen wird drüber hinweg gesehen und die heile Welt vorgespielt. Ich bewundere die Autorin für ihren Mut, ein so tabuisiertes Thema in dieser Offenheit aufzuzeigen. Man hört hier und da immer etwas über Inzest oder sexuellem Missbrauch, doch sich deswegen mit diesem Thema auseinandersetzen und zu diskutieren tun die wenigsten. Es ist ein schwieriges Thema, doch die Autorin hat es dennoch leicht und verständlich vermittelt. Negativ ist zu nennen, dass die Autorin sich oft wiederholt. Sie möchte damit vielleicht ihre Gefühle klar äußern, aber dennoch wirkt dies teilweise auf den Leser uninteressant, weil er es schon ein paar Mal gelesen hat. Stilistisch ist er durch wenige wirkungshafte Mittel nicht sehr fesseln geschrieben. Zusammenfassend ist zu sagen, dass die Autorin deutlich und offen die Fakten auf den Punkt bringt.


Ich empfehle dieses Buch allen, die sich für Biographien, Lebenswege und Kindesmissbrauch, speziell den Inzest interessieren. Gerade junge Menschen sollten dieses Buch lesen, denn dieses Thema soll nicht länger ein Tabuthema sein. Außerdem empfehle ich dieses Buch denen, die selbst Opfer geworden sind.


. Quellen


1. Ulrike Dierkes „Schwestermutter“


 2. http://www.amazon.de


 3. http://www.buch.de


 4. http://www.melinaev.de


 5. http://www.wikipedia.org



9. Anhang – Reportage bei SternTV


Inzest - "Alle gingen zur Tagesordnung über"

Ulrike Dierkes ist die Tochter ihrer ältesten Schwester, die vom Vater immer wieder missbraucht wurde. Bei Stern TV berichtete sie über ihre schwierige Biografie als Inzest-Kind.

© Stern TV

Elf Jahre war Ulrike Dierkes alt, als ihre Mutter die entsetzliche Wahrheit offenbarte. "Diese Szene vergesse ich nie", sagt Ulrike Dierkes. "Meine Mutter rief mich zu sich und sagte: 'Morgen kommt Dein Vater wieder. Aber er war nicht im Krankenhaus, wie ich immer gesagt habe, sondern im Knast. Der hat deiner ältesten Schwester ein Kind gemacht und dieses Kind bist du. Das ist Blutschande. Du bist die Sünde meines Mannes.'" Weil der Inzest nicht verborgen geblieben war, hatte der Vater zweieinhalb Jahre absitzen müssen.

Doch der Knast hatte ihn nicht geändert. Sofort nach seiner Rückkehr missbrauchte er wieder die älteste Tochter. "Er kam runtergepoltert, sie sauste um den Tisch herum, er hinterher. Er war außer sich", erinnert sich Ulrike Dierkes. Dann passierte es wieder, vor den Augen der Familie. "Er schnappte sie sich und schleppte sie weg. Und alle gingen zur Tagesordnung über." Schließlich musste der Vater wegen wiederholten Missbrauchs vier weitere Jahre ins Gefängnis.


Die Augen des Vaters
Als Ulrike Dierkes geboren wurde, war ihre Schwester 14 Jahre alt. Das Baby wuchs in der Familie auf - im Glauben, ihre Großmutter sei ihre eigentliche Mutter. In dem Ort, in dem die Familie wohnte, sprach sich der Inzest indes schnell herum. Das Kind musste sich unangenehme Bemerkungen über die Eltern gefallen lassen, ohne zu verstehen, was damit gemeint sein könnte. Sie fühlte sich abgelehnt und isoliert. Und in der Situation war es ausgerechnet der Vater, der ihr Geborgenheit gab. "Es war das, wonach die Seele Bedürfnis hatte: Nämlich einfach zu hören, dass da ein Mensch ist, der es in Ordnung findet, dass es mich gibt", erklärt Ulrike Dierkes.


Zu ihrer leiblichen Mutter, der ältesten Schwester, hat sie hingegen nie ein Verhältnis aufbauen können. Als die missbrauchte junge Frau sich von der Familie trennte und nach Berlin zog, eilte die Tochter hinterher. Aber die Mutter konnte mit dem Kind nicht umgehen. "Wenn ich sie anschaute, dachte sie, der Vater schaue sie an. Diesen Horror konnte ich ihr - und uns beiden - leider nicht ersparen." Inzwischen ist Ulrike Dierkes 49 Jahre alt, aber ein Kontakt zur lieblichen Mutter existiert immer noch nicht.


 

Missbrauch meistens in der Familie
Um das Geschehene zu verarbeiten, schrieb Ulrike Dierkes ein Buch und gründete einen Verein für Kinder, deren Mütter aufgrund von Inzest und Vergewaltigungen schwanger wurden. Die Beschäftigung mit diesen Menschen hat Ulrike Dierkes geholfen: "Es tut gut, weil ich sehen kann, dass ich nicht alleine bin. Dass es außer mir auch andere gibt, die Inzest-geschädigt sind." Wobei sie noch Glück hatte - im Gegensatz zu anderen Opfern sind bei ihr keine gesundheitlichen Schäden aufgetreten. "Das ist keine Selbstverständlichkeit", sagt Ulrike Dierkes.


"75 Prozent der Missbrauchsfälle spielen sich in der Familie ab ", sagt sie. Und manchmal ist es für sie auch emotional belastend, die Arbeit in ihrem Verein zu machen. Vor allem wegen der Täter. "Das ist nicht einfach", erklärt Ulrike Dierkes. "Denn die meisten Täter sind bis an ihr Lebensende als Täter aktiv."


Nickname 04.06.2006, 10.47 | (0/0) Kommentare | TB | PL

Kids for Kids




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Die 1990 geborene Mirella Roemer hat ein Buch herausgegeben. Nicht irgendeins, sondern zur UN-Kinderrechtskonvention. Sie rief Kinder aus allen Regionen der Bundesrepublik, der Schweiz und Österreich auf, Texte in unterschiedlichen Formen einzusenden. Es kamen fast hundert Beiträge zusammen, Lyrik und Geschichten aus dem Alltag von Kindern.

Kinderfreundlichkeit. Kinderrechte. Wohlklingende Schlagworte und leere Worthülsen. Kinderrechte werden in den meisten Fällen, wenn überhaupt, von Erwachsenen aufgegriffen und verfolgt, liegen also schon allein daher in ihren Händen. In der Macht Erwachsener.

1989 hat die UN die Rechte von Kindern in einem Dokument formuliert. 192 Staaten haben diesem Dokument zugestimmt und sich damit den Forderungen verpflichtet.

Ganz ohne Erwachsene ging es nicht. Die Herausgeberin, Schülerin eines Gymnasiums, bat Firmen um finanzielle Unterstützung, eine Gemeinde um Räume für eine Schreibwerkstatt und einen Kinderkanal um Begleitung des Projektes.

Bevor die Kinder mit ihren Texten zu Wort kommen, zählt die zum Erscheinungsdatum des Buches amtierende Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Renate Schmidt die Errungenschaften der Arbeit dieses Landes. Wer es nicht besser weiss, würde glauben, Deutschland sei eine gewaltfreie Zone, ein paradiesisches Land. Sind doch immerhin Behörden, Einrichtungen und Engagierte tagein tagaus damit beschäftigt, die von der UN formulierten Kinderrechte umzusetzen. Was also will man mehr?

Mirella Roemer bringt es in ihrer Einleitung nüchterner und wohl auch realistisch auf den Nenner: "Seht doch hin! Tut doch etwas!"

Wer dieses tut, weiss um die Missstände, sobald es um Kinder-und Menschenrechte geht. Kann aus der Realität berichten. So wie es nämlich die Teilnehmenden, die Kinder in ihren Texten tun.

 

Z.B. Caroline: "Manche Menschen sind nicht gut auf das Thema zu sprechen. Gleichberechtigung hat für sie keinen Stellenwert, nur ihre eigene Hautfarbe, Religion, Sitten und Bräuche sind die richtigen."

Oder die Geschichte von Rebecca. Sie schildert in ihrem Text die schlechte Behandlung des türkischen Mädchens Fatima, weil dieses ein Kopftuch trägt.

In den Texten spiegelt sich das Erlebte wider. Nämlich das Bemühen einer überforderten Gesellschaft und Politik, die mit gutgemeinten Parolen wie "Keine Gewalt an Schulen" wahrscheinlich sogar überzeugt sind, alles getan zu haben.

Alfred Büngen, der Verleger, formuliert es treffend: "In einer Gesellschaft, in der das Ideal Schönheit und Gesundheit gilt, in der Krankheit und Tod weitgehendst ausgeblendet werden, kann es nur eingeschränkt einen "normalen" Umgang mit Menschen, zum Beispiel mit Behinderungen geben."

Roland schildert "einen Tag, wie jeder andere", mit Schlägereien, die zum Schulalltag gehören und Sven von einem Jungen, der immer dicker wird und deswegen verhöhnt wird.

Geschichten, von Kindern geschrieben, die von Ausgrenzung, Mobbing, Kinderhandel, Kindesmisshandlung und einem von Erwachsenen beherrschten und reglementierten Alltag berichten.

Die Ehrlichkeit dieses gelungenen Buches liegt in der unverblümten Art und Weise, mit der Kinder die Geschehnisse beschreiben. Sie erfinden nichts, brauchen keine Phantasie, sie faseln nicht herum, nehmen keine Rücksicht auf (politische) Interessen, Personen oder Programme.

"In einem Perlengeschäft meckerte die Verkäuferin, weil Mark mit seinem Finger in der Nase war und ihn dann an den Perlen abgewischt hat" petzt Linda.

10 Kapitel widmen sich dem Recht auf Gleichheit, Recht auf Gesundheit, Recht auf Bildung und Information, Recht auf Freizeit und Erholung, Recht auf Gedanken- und Meinungsfreiheit, Recht auf gewaltfreie Erziehung, Recht auf Privatsphäre, Recht auf Schutz im Krieg und auf der Flucht, Recht auf elterliche Fürsorge, Recht auf Träume.

Jedes genannte Kapitel wird mit einem Text Prominenter eingeleitet. Dies müsste nicht sein, wirkt aber nicht störend, weil es sich locker liest. Wie zum Beispiel Elke Heidenreich "Über Privatsphäre" oder Marietta Slomka´s Betrachtung über den Luxus des Rechts auf Bildung, Meinung und Pressefreiheit. Auszüge aus Reinhard Mey´s CD "Menschenjunges" und Rolf Zuckowsky´s CD "Wir sind Kinder" tragen zur ernsten Unterhaltung des Themas bei.

Die Erwachsenenbeiträge hätten nicht sein müssen. Das Buch lebt durch die Texte der Kinder. Auch ohne Beiträge Prominenter hätte es nichts von seiner erfrischenden Leichtigkeit und seiner starken Aussagekraft eingebüßt. Ganz im Gegenteil, die Beiträge der Kinder rufen bei aller Treffsicherheit Freude hervor. Nämlich Hoffnung auf eine Generation, die trotz wohlformulierter Sätze einer UN die Missstände und deren Ursachen durchschaut.

 

Ein empfehlenswertes Werk, ideal im Schulunterricht, um an das Thema Kinder-und Menschenrechte heranzuführen. Soweit dies nötig ist. Eigentlich müsste es Pflichtlektüre für Erwachsene, vor allen Dingen PolitikerInnen sein. Bleibt zu hoffen, dass diese die Beiträge der Kinder auch wirklich gelesen haben oder dieses schleunigst nachholen. Zur eigenen Fort-und Herzensbildung zum Thema Kinder-und Menschenrechte. ©Ulrike M. Dierkes


kids for kids

Kinder schreiben für Kinder,
damit Erwachsene verstehen

Mirella Roemer (Hrg).
295 S., 12 €

Geest-Verlag, Vechta
ISBN 3-937844-76-7

Nickname 04.06.2006, 10.45 | (0/0) Kommentare | TB | PL

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Masato
Interessanter und unterhaltsamer Blog!
Lassen Sie sich nicht verbiegen!
Grüße!
20.3.2012-12:05
Alexandra.
Ich möchte nicht schleimen. Will Ihnen nicht sagen welche Bücher ich von Ihnen gelesen habe. Oder Sie bemitleiden. - Ich möchte Ihnen lediglich sagen, das ich es gut finde, das Sie existieren, leben & überlebt haben. Die Welt braucht Menschen wie Sie. - Menschen die den Mund auf machen. Lassen Sie ihn sich bitte niemals verbieten.

Liebe Grüße.
13.12.2011-13:23
Maria
Hallo Frau Dierkes!...gerade habe ich Ihr Buch zu Ende gelesen... Ich bewundere Sie sehr, für Ihren Lebensmut, dass Sie nie aufgehört haben zu kämpfen und ein Zeichen setzen! Da ich selber in der Nähe von Münster lebe, kann ich die Beschreibungen, Ignoranz und das Weggucken der Münsterländer, so gut nachvollziehen... Wie wunderbar, dass Sie immer an sich geglaubt haben!!!!!! Auf dass es mehr Menschen gibt, die sich trauen etwas zu sagen, nicht wegsehen,kämpfen und gewinnen.

Sie haben so viel getan und erreicht, ich wünsche Ihnen für alles weitere genauso viel Kraft, Mut und starke Menschen an Ihrer Seite!
Viele Grüße aus dem Münsterland, Maria.
8.11.2011-1:24
Andrea
Liebe Frau Dierkes

Ich kaufte Ihr Buch Schwestermutter vor paar Wochen, habe mir das Buch aber nicht gleich zum lesen hingelegt. Ich schätze, ich wusste warum.

Dieses Buch ist so schonungslos,"grausam" geschrieben, hinsichtlich dessen, was Inzestkinder und deren Mütter selbst heute noch, in unserer Ach so aufgeschlossenen Gesellschaft erdulden müssen... Ich brauchte 3 Anläufe bis ich Ihre Buch zu Ende lesen konnte. Es hat mich zutiefst betroffen gemacht. Ich bewundere aber auch Ihren Mut, Ihre Kraft und Durchhaltewillen, nicht unterzugehen,sondern für Ihre Rechte zu kämpfen. Ihr Recht zu leben, zu lieben und geliebt zu werden.

Frau Dierkes, ich wünsche Ihnen und Ihrer Stiftung alles erdenklich Gute, Kraft und Durchhaltewillen, all jenen zu helfen, die nicht soviel Lebensmut in sich tragen, wie Sie es in sich hatten und noch immer haben.

Liebe Grüsse aus der Schweiz, Andrea
7.7.2011-13:42
Isabella
Liebe Frau Dierkes!
Ich bin nicht durch Zufall auf ihr Buch gestoßen.
Vor etwa einem Monat erzählte mir meine Mutter, dass ich eine Schwester habe, die auch meine Tante ist. Als erste Reaktion habe ich Bücher zu dem Thema gesucht und bin sofort auf Ihres gestoßen.
Es hat mich wirklich sehr berührt und mir sehr weitergeholfen!
Vielen Dank!
19.10.2010-18:02